Die meisten von uns bei Hejmo leben zwischen Sprachen. Wir tragen Vokabular aus verschiedenen Orten mit uns herum, übersetzen uns mehrmals täglich selbst und greifen regelmäßig nach Wörtern, die es so noch gar nicht gibt. Als wir also anfingen, darüber nachzudenken, was es bedeutet, Dingen Namen zu geben, fühlte sich das nie wie eine abstrakte Übung an, sondern wie eine Beschreibung unserer ganz normalen Dienstagnachmittage.
Leben im Dazwischen
Zwischen Sprachen zu leben bedeutet, zwischen Welten zu leben. Unser Gefühl von Zuhause ist sprachlich gesehen eine dauerhafte Baustelle, und wir werden fließend in Ambiguität (oder versuchen es zumindest!), lange bevor wir in irgendetwas anderem fließend werden.
Das kann anstrengend sein, da machen wir uns nichts vor. Aber darin steckt auch noch etwas anderes. Wenn man ohnehin schon leicht außerhalb des Systems steht und die Sprache jedes Mal ein bisschen bricht, wenn man den Mund aufmacht, ist man auch in einer guten Position, um zu bemerken, wo ihre Grenzen verlaufen. Und wenn man eine Grenze erst einmal bemerkt hat, kann man sich entscheiden, sie nicht zu akzeptieren: Man ist nicht mehr nur eine Person, die ein Vokabular empfängt, sondern wird zu einer Person, die selbst eines erschafft.
Genau das wollten wir in unserem Schreibworkshop In Between Languages erkunden, geleitet von Alicia Morán.
Ein Wort, das dir gehört

Aus dem Spanischen – von Argentinien über Puerto Rico bis hin zu verschiedenen Regionen Spaniens – kam chamuyar: jemandem Schmeicheleien zu sagen, zu flirten, zu charmen, zu überzeugen oder einfach etwas Schönes zu sagen, nur um der Freude am Sprechen willen. Daneben stand salaina aus der Extremadura, was ungefähr bedeutet: „Du bist so süß, so niedlich.“ Aus dem Vietnamesischen hörten wir mến – jemanden sehr ins Herz schließen – und thương, eine tiefere, beständigere Form der Fürsorge. Aus dem Katalanischen kam caliu, die Wärme des Zuhauses, was ursprünglich das Glühen der Restglut beschrieb. Das Portugiesische brachte chamego mit: diese kuschelige Zärtlichkeit zwischen zwei Menschen oder zwischen Mensch und Haustier. Und da war apapacho, aus dem klassischen Nahuatl apapachoa, was wörtlich bedeutet, etwas mit den Fingern weich zu machen - ein Wort, das heute meist als eine Umarmung der Seele übersetzt wird.
Eine Sache fiel uns fast sofort auf: Niemand hatte ein Wort für Wut, Ehrgeiz oder Trauer mitgebracht. Jedes einzelne drehte sich um Wärme, Nähe und Fürsorge, was einiges darüber aussagt, wonach ein Raum voller Migrant*innen in Berlin sucht.
Neue Wörter erschaffen
Dann kam die eigentliche Arbeit: den Dingen Namen zu geben, die noch keine haben. 
Wir schauten uns zuerst an, wie Wörter eigentlich entstehen – was sich als weniger geheimnisvoll herausstellte, als es klingt: Akronyme, Zusammensetzungen (ganz nach deutscher Sprachtradition aneinandergeklebt), aus anderen Sprachen entliehene Wortstämme sowie Präfixe und Suffixe, die an beiden Enden ihre stille Arbeit verrichten. Dann ließen wir der Kreativität freien Lauf.
Die Sonne tauchte immer wieder auf, was niemanden überraschen dürfte, der*die schon einmal einen Februar hier verbracht hat. Da war RATSU (von run after the sun), für die Handlung, sich im Raum oder im Park immer wieder neu zu platzieren, um im Licht zu bleiben. Es gab soligris, für diese ganz spezielle Düsterkeit, die eintritt, wenn Dunkelheit und Einsamkeit gleichzeitig auftauchen. Und es gab suneling, dafür, ohne jeden Grund nach draußen zu gehen, außer dass die Sonne scheint und es sich falsch anfühlen würde, sie zu verschwenden.
Dann war die Stadt selbst an der Reihe. Tazzz beschreibt einen dieser Berliner Tage, die sich beschleunigt und vibrierend anfühlen und auf einer Frequenz leicht oberhalb des normalen Lebens summen. Berfreelin benennt die Freiheit, einfach hier zu sein: zu tragen, was man will, zu sein, wer man ist, und festzustellen, dass sich niemand danach umdreht.
Und unvermeidlich: die Sprache. Lenmutterloss ist der Schmerz, den Klang der eigenen Muttersprache zu vermissen. Imposayingmaking ist das Scheitern eines übersetzten Sprichworts – diese ganz spezielle kleine Niederlage, wenn man zusehen muss, wie eine Redewendung irgendwo zwischen zwei Sprachen stirbt. Und unterlesen bedeutet, jemanden eher über den Körper als über Worte zu lesen, weil der eigene Wortschatz noch nicht mit dem Gespräch Schritt halten konnte.
Was wir daraus mitgenommen haben

Das ist die eigentliche Arbeit, die das Benennen leistet. Es nimmt eine private Erfahrung und macht sie teilbar; es verwandelt ein „Ich glaube, mit mir stimmt etwas nicht“ in ein „Ah, das hat einen Namen, und du kennst das auch“. Und es geht noch einen Schritt weiter: Wenn du deiner eigenen Erfahrung einen Namen gibst, hörst du auf, darauf zu warten, dass das Vokabular anderer Platz für dich macht. Du wirst zumzur Autorin deiner eigenen Geschichte, statt nur ihre Übersetzerin zu sein. Es ist eine kleine Handlung, aber keine belanglose – besonders wenn sie in Gemeinschaft geschieht, umgeben von Menschen, die genauso neugierig auf deine Sicht auf die Welt sind wie du auf ihre.