Du hast dich in deiner Arbeit intensiv für junge Menschen eingesetzt. Was hat dich ursprünglich zu dieser Arbeit gebracht und warum ist sie dir bis heute so wichtig?
Meine Arbeit war schon immer davon geprägt, Zukunft zu gestalten, Hoffnung zu schaffen und Energie freizusetzen. Es geht darum, Menschen in ihrer Entwicklung zu stärken und gemeinsam davon zu träumen, was möglich sein könnte.
Meine eigene Jugend war geprägt von Krieg, Flucht und einem Leben zwischen verschiedenen Ländern. Es war keine unbeschwerte Jugend. Was mich damals getragen hat und mich bis heute motiviert, ist die Begegnung mit jungen Menschen, die trotz aller Herausforderungen voller Hoffnung und Energie sind. Für mich verkörpert Jugend Potenzial und Möglichkeiten. Wenn junge Menschen das richtige Umfeld bekommen, können sie Unglaubliches erreichen.
Wenn du auf deinen eigenen Weg zurückblickst: Welche Fähigkeiten waren für dich besonders wichtig – beruflich, aber auch persönlich als Mensch mit Migrationserfahrung?
Auf menschlicher Ebene waren es vor allem zwischenmenschliche Fähigkeiten. Sich in einem neuen Leben, einer neuen Kultur und einer neuen Sprache zurechtzufinden, verlangt viel. Resilienz ist nichts, wofür man sich entscheidet – sie ist etwas, das viele Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung entwickeln müssen, manche leichter als andere.
Ich habe gelernt, neue Situationen einzuschätzen und herauszufinden, was in einem neuen Umfeld wirklich zu mir passt. Und ich habe gelernt, wann es sinnvoll ist, einen Gang herunterzuschalten und wann der richtige Moment ist, voranzugehen – nicht aus einem Leistungsdenken heraus, sondern mit Blick auf nachhaltiges persönliches Wachstum.

Du hast die Syrian Youth Assembly mitgegründet. Was hat dich dazu inspiriert – und worauf bist du heute besonders stolz?
Als der Krieg begann, war ich achtzehn Jahre alt und hatte gerade die Schule abgeschlossen. In den folgenden Jahren lebte ich zwischen verschiedenen Ländern. Wir verloren den Zugang zu Bildung, zeitweise sogar zu grundlegenden Dingen, und waren ständig unterwegs.
Diese Erfahrungen haben in mir den Wunsch geweckt, neue Perspektiven zu schaffen – für mich selbst und für andere junge Syrer*innen.
Die Idee zur Syrian Youth Assembly entstand 2016 während eines humanitären Gipfels in Istanbul. Eine Gruppe junger Syrer*innen fragte sich, was wir unserer Gemeinschaft geben konnten und was am dringendsten gebraucht wurde. Daraus entstanden Bildungskooperationen sowie Programme rund um Jugend, Frieden und Sicherheit.
Besonders stolz bin ich auf die Gemeinschaft, die daraus entstanden ist: Über 250.000 Mitglieder*innen und mehr als sechs Millionen absolvierte Lernstunden im Rahmen unserer Partnerschaften. Wir haben Menschen Zugang zu Deutsch- und Englischkursen, beruflichen Chancen, Mentoring und Praktika ermöglicht. Zu sehen, wie diese Gemeinschaft gewachsen ist und wie viele Menschen dadurch eine zweite Chance bekommen haben, erfüllt mich mit großem Stolz.
Was hast du im Laufe der Jahre von jungen Menschen gelernt, womit du vielleicht nicht gerechnet hättest?
Ich weiß gar nicht, ob ich sagen würde, dass es mich überrascht hat. Aber immer wieder beeindruckt mich, wie anpassungsfähig und resilient junge Menschen sind. Diese enorme Energie fürs Leben ist bemerkenswert – man bekommt sie kaum klein. Sie sind auf die beste Art hartnäckig und machen einfach weiter.
Durch unsere Programme haben wir Menschen innerhalb und außerhalb Syriens kennengelernt, die unter schwierigsten Bedingungen Erstaunliches erreicht haben: Sie haben neue Sprachen gelernt, sich als Freelancer*innen selbstständig gemacht oder in neuen Ländern ein Leben aufgebaut – und dabei ihre Träume nie aufgegeben.
Ich habe gelernt, dass Menschen einen Weg in eine bessere Zukunft finden können, solange sie nicht aufhören, es zu versuchen. Und wenn man schwierige Zeiten übersteht und dabei wächst, wird genau das Teil der eigenen Identität. Dieses Vertrauen in die eigene Fähigkeit, weiterzugehen, bleibt.
Du hast in verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet. Wie haben diese Erfahrungen dein Verständnis von Gemeinschaft, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Wandel geprägt?
Gemeinschaft ist für mich wie eine selbst gewählte Familie. Man kann Teil einer Gemeinschaft werden oder selbst eine aufbauen. In jedem Land, in dem ich gelebt habe – besonders außerhalb Syriens –, habe ich Menschen gefunden, bei denen ich mich zugehörig gefühlt habe.
Das ist etwas Kraftvolles: Man kann an einem Ort ankommen, niemanden kennen, eine andere Sprache sprechen und trotzdem einen Platz finden, an dem man dazugehört.
Zugehörigkeit ist für mich nach den grundlegenden Dingen wie Einkommen, Wohnraum, Gesundheitsversorgung und Sprache das Wichtigste. All das ist essenziell – aber Zugehörigkeit geht darüber hinaus. Sie bedeutet, einen Ort zu haben, an dem man ganz man selbst sein kann und an dem der soziale und kulturelle Druck nachlässt, sodass man sich entfalten kann und persönliches Wachstum möglich ist.
Dann beginnen die eigenen Wurzeln wirklich zu wachsen. Das zeigt sich oft in kleinen Momenten: in Freundschaften, darin, die neue Sprache auf der Straße zu hören und plötzlich zu verstehen, in einem vertrauten Gericht oder in einem Lächeln, das man mit einer fremden Person in der Straßenbahn austauscht.
Über gesellschaftlichen Wandel zu sprechen, ist schwieriger. Für mich war da immer ein inneres Feuer, das nie ganz erlischt. Natürlich lässt sich sozialer Wandel anhand von Zahlen und Wirkung messen – und das ist wichtig. Aber ein Teil davon findet in den Herzen der Menschen statt und lässt sich nicht vollständig erfassen.
Was ich gelernt habe: Die größte Kraft gesellschaftlicher Veränderung entsteht dort, wo man Menschen direkt begegnet, mit ihnen zusammenarbeitet und miterlebt, wie sie wachsen.
Gibt es Ansätze oder Ideen aus anderen Ländern, von denen der deutsche Sozialsektor profitieren könnte?
Ja, da fallen mir mehrere Dinge ein.
Das erste ist eine wirklich community-basierte, von Migrant*innen selbst gestaltete Arbeit. In Deutschland läuft vieles noch sehr von oben nach unten. Projekte werden oft für Migrant*innen entwickelt statt gemeinsam mit ihnen. Fördermittel gehen häufig an Organisationen, die stellvertretend für Migrant*innen arbeiten, statt ihre Selbstorganisation zu stärken.
Ich glaube, hier braucht es mehr Eigenverantwortung und Mitgestaltung. Denn diejenigen, die diese Erfahrungen selbst machen, verstehen die Herausforderungen am besten – und genau ihre Perspektive ist entscheidend, wenn wir nachhaltige Lösungen entwickeln wollen.
Der zweite Punkt ist Mentoring. Nicht einzelne Workshops oder einmalige Angebote, sondern langfristige Beziehungen, die Menschen über längere Zeit begleiten und ihnen Türen öffnen.
Und schließlich sollten wir stärker über klassische Förderlogiken hinausdenken – hin zu sozialen Geschäftsmodellen, die sich langfristig selbst tragen können. Organisationen sollten nicht dauerhaft vom nächsten Förderantrag abhängig sein, sondern sich entsprechend ihrer eigenen Bedürfnisse entwickeln können. Das schafft Raum für nachhaltige Strukturen statt für ein Projekt nach dem anderen.
Was hat dir auf deinem eigenen Weg dabei geholfen, dich an einem neuen Ort zuhause zu fühlen?
Es ist eine Mischung aus vielen kleinen Dingen. Sinnliche Momente spielen eine große Rolle: Eine Sprache, die man gerade lernt, plötzlich auf der Straße zu hören und zu verstehen. Ein vertrautes Gericht. Kleine Augenblicke, die einem das Gefühl geben: Ich gehöre hierher. Genauso wichtig ist es, eine Gemeinschaft zu finden oder selbst aufzubauen – Menschen, bei denen man sich in der jeweiligen Lebensphase aufgehoben fühlt.
Sprache spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Noch wichtiger ist aber das Gefühl, dass ein Ort nicht nur darauf ausgerichtet ist, das Überleben zu sichern, sondern Entwicklung ermöglicht. Ein Ort, der fragt, wie wir – Aufnahmegesellschaft und Neuankommende gemeinsam – Zukunft gestalten können, statt nur die Gegenwart zu verwalten. Und vielleicht am wichtigsten: einen sicheren Raum zu haben, in dem man lernen und einfach sein darf, ohne ständig das Gefühl zu haben, sich beweisen oder verändern zu müssen. Genau das lässt einen Ort nach und nach zu einem Zuhause werden.

Viele Menschen kommen zu Hejmo auf der Suche nach Verbindung, Gemeinschaft oder einem Gefühl von Zugehörigkeit. Was bedeutet Zugehörigkeit für dich persönlich?
Für mich bedeutet Zugehörigkeit, einen Ort zu haben, an dem ich einfach ich selbst sein kann – ohne ständig das Gefühl, mich beweisen oder verändern zu müssen. Sie beginnt dort, wo die grundlegenden Bedürfnisse wie Einkommen, Wohnraum, Gesundheitsversorgung und Sprache erfüllt sind. Dann entsteht die tiefere Ebene, auf der Wurzeln wachsen können.
Es zeigt sich in kleinen Dingen: Eine Sprache, die man gerade lernt, fühlt sich langsam eher persönlich als rein zweckmäßig an, ein vertrautes Gericht, ein Lächeln, das man mit einem Fremden in der Straßenbahn austauscht. Es ist eine Mischung aus dem Finden einer Gemeinschaft und der Entscheidung dafür, aus dem Gefühl, sicher genug zu sein, um zu wachsen, anstatt nur zu überleben.
Letztlich bedeutet Zugehörigkeit, einen Ort nicht mehr nur als Zwischenstation zu sehen, sondern als einen Ort, an dem man seine Zukunft aufbaut.
Du bist der neue Program Director von Hejmo. Welche Erfahrungen und Perspektiven möchtest du besonders in diese Rolle einbringen?
Ich freue mich darauf, meine eigenen Erfahrungen mit Zugehörigkeit einzubringen – als jemand, der in verschiedenen Ländern gelebt hat – ebenso wie meine Erfahrung darin, Menschen dabei zu unterstützen, sich in einer neuen Heimat ein Fundament aufzubauen: durch Fähigkeiten, Chancen und Beziehungen.
Außerdem bringe ich Erfahrung im Bereich Social Business sowie ein Netzwerk mit, das Hejmo hoffentlich in einigen Bereichen weiter stärken kann.
Gleichzeitig freue ich mich sehr darauf, von der langjährigen Arbeit zu lernen, die Hejmo im Bereich Zugehörigkeit bereits geleistet hat. Für mich ist das eine große Chance, mich persönlich weiterzuentwickeln, Neues zu lernen und der Stadt Berlin etwas zurückzugeben.