Was bedeutet es, einen Raum mit sich zu tragen und ihn an einen Ort zu bringen, an den er ursprünglich nicht gehört?
Die Open Kitchen war schon immer in Bewegung. Lange bevor es das Blue House gab, hat sie an ganz unterschiedlichen Orten in der Stadt Form angenommen (O-Platz, Gerhart-Hauptmann-Schule, Görlitzer Park, ein Gemeinschaftsraum einer Kirche und ein Co-Working-Space in Kreuzberg, mit der Berliner Obdachlosenhilfe in Wedding) und sich jedes Mal an den Raum und die Menschen angepasst, die da waren. In den letzten Jahren haben wir eine gewisse Stabilität gefunden – durch einen eigenen Raum, der die Küche und auch uns verlässlicher tragen konnte. Doch im letzten Sommer sind wir mit Open Kitchen on the Road wieder zu diesen eher nomadischen Wurzeln zurückgekehrt. Und damit kam eine vertraute Frage wieder auf: Was bedeutet es, einen Raum mit sich zu tragen und ihn an einen Ort zu bringen, an den er ursprünglich nicht gehört?
Diese Frage wurde greifbarer, als wir eingeladen wurden, Aktivitäten in einer Unterkunft für Geflüchtete auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof umzusetzen. Die Unterkunft, betrieben von der AWO Berlin-Mitte gemeinsam mit dem Internationaler Bund Berlin-Brandenburg, ist die größte ihrer Art in Berlin und bietet Platz für bis zu 1.596 Menschen. Es ist ein Ort, der vom Übergang geprägt ist – ein Dazwischen, das von außen nur schwer ganz zu erfassen ist.
„In einer einfachen Küche voller fremder Menschen wird sie zur Brücke, die alle verbindet, jedem einen Sinn und eine Aufgabe gibt – und zu einer großen Umarmung, die aus einem Ort eine Gemeinschaft macht.“ – Orina
Im Blue House entfaltet sich unsere Arbeit in einem Raum, den wir gut kennen. Wir laden Menschen in etwas ein, das bereits existiert, das seine eigenen Rhythmen und eine gewisse Vertrautheit mitbringt. Einen Ort wie Tempelhof zu betreten, verschiebt diese Dynamik jedoch grundlegend. Wir sind nicht mehr auf die gleiche Weise Gastgeber*innen – wir sind Gäste. Und damit kommt auch die Verantwortung, vorsichtiger heranzugehen, genauer hinzuhören und dem Impuls zu widerstehen, einfach das zu reproduzieren, was wir von anderen Orten kennen.
Anstatt mit einer festen Struktur anzukommen, haben wir versucht, nur das Nötigste mitzubringen: Essen, eine gemeinsame Aufgabe und eine Offenheit für das, was entstehen könnte. Einige unserer erfahrenen Open-Kitchen-Freiwilligen aus dem Blue House geben einen leichten Rahmen, doch der Raum selbst bleibt bewusst unvollständig. Menschen können sofort einsteigen oder auf Abstand bleiben, zuschauen, kurz mitmachen oder später wiederkommen. Es gibt keine Erwartung daran, wie man teilnehmen sollte.
Nach dem ersten Treffen direkt in der Unterkunft haben wir unsere Besuche in die Fliegerwerkstatt verlegt, ein Projekt der Social Return Stiftung auf dem Tempelhofer Feld. Der Ort bietet Raum für Begegnung sowie eine Holzwerkstatt für Jugendliche. Auch in diesem etwas klarer gefassten Umfeld bleibt die zentrale Frage bestehen: Wie kann man an einem Ort sein, ohne ihn einzunehmen? Wie kann man einen Raum schaffen, ohne ihn aufzudrängen?
„Am meisten hat mir in Tempelhof die ganz automatische Solidarität zwischen Menschen gefallen, die sich vorher nicht kannten. Der Spaß am gemeinsamen Kochen mit ukrainischen Geflüchteten, ihre Offenheit für neue Rezepte und wie schnell sie sich auf die Atmosphäre eingelassen haben – das alles war unerwartet und motiviert mich, weiterzumachen. Auch ohne gemeinsame Sprache haben wir es geschafft, zusammen etwas auf den Tisch zu bringen. Essen war unsere Sprache.“ – Nuran
Das gemeinsame Kochen ist für uns zu einer Art geworden, uns darin zu orientieren. An einem Samstag haben wir ein einfaches Menü vorbereitet: Hähnchen mit Za’atar, Rote-Bete-Salat mit grünem Tahini und Haferkekse. Sprache bleibt oft eine Barriere, doch im Kochen entsteht eine andere Form der Verständigung. Aufgaben werden ohne viele Worte geteilt, Gesten ersetzen Sprache, und die Aufmerksamkeit verschiebt sich vom Sprechen ins Tun. Nach und nach entsteht eine gewisse Leichtigkeit.
Sichtbar wird in diesen Momenten nicht nur die Aktivität selbst, sondern auch die Bedingungen, die es Menschen ermöglichen, sich ihr zu nähern. Wenn ein Raum ohne Druck oder Erwartung gehalten wird, bewegen sich Menschen in ihrem eigenen Tempo darauf zu. Das verändert die Atmosphäre oft auf leise, aber spürbare Weise: Zögern löst sich, Gespräche entstehen, jemand, der vorher nur zugeschaut hat, tritt näher und wird Teil des Ganzen.
In diesem Sinne geht es nicht darum, die Open Kitchen an einen Ort zu bringen, sondern darum, Bedingungen zu schaffen, in denen etwas gemeinsam entstehen kann. Dafür braucht es eine andere Form der Aufmerksamkeit – weniger führen, mehr Raum halten; weniger füllen, mehr zulassen.
„Ich bin jetzt seit einigen Monaten in Deutschland, aber [die Open Kitchen] ist der erste Ort, den ich ohne Zweifel ein Zuhause nennen kann. Damals hatte ich noch keine Freund*innen hier. Ich bin noch gar nicht so lange dabei, aber es fühlt sich an, als wäre ich nie weggegangen. Hier bin ich endlich angekommen, mit dieser Community. Alle sind so freundlich und offen, dass es schwerfällt, lange wütend auf die Welt zu bleiben. Mit ruhigen Lächeln und warmen Umarmungen beginnen wir unsere Koch- (und Essens-)Sessions :)“ – Marin
Unsere Veranstaltungen in Tempelhof sind dank der großzügigen Unterstützung der Deutschen Fernsehlotterie möglich. Die Deutsche Fernsehlotterie ist Deutschlands traditionsreichste Soziallotterie. Gemeinsam mit ihren Mitspielenden stärkt sie das gesellschaftliche Miteinander. Seit 1956 hat sie über 2 Milliarden Euro für gemeinnützige Zwecke bereitgestellt und über ihre Stiftung, das Deutsche Hilfswerk, rund 9.300 Projekte gefördert. In unserem gemeinsamen, dreijährigen Projekt erkunden wir, wie wir unsere Aktivitäten auch in anderen Teilen Berlins außerhalb unseres Zuhauses in Neukölln anbieten können. Dabei erreichen wir nicht nur neue Nachbarschaften, sondern lernen auch, uns in ihnen achtsamer zu bewegen und zu wachsen.