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Spuren der Zugehörigkeit: Die Fäden, die wir tragen

Was nach der Migration bleibt, sind nicht nur Erinnerungen. Es ist die Art und Weise, wie sie sich in unsere alltäglichen Gesten, kleinen häuslichen Rituale und das eigene Schaffen einweben.

An einem der außergewöhnlich heißen Sommertage Berlins kamen neun Menschen für Traces of Belonging (Spuren der Zugehörigkeit) zusammen – ein textiler Workshop, der erforschte, wie Erinnerungen an ein Zuhause in alltäglichen Gesten, Geschichten und im handwerklichen Tun lebendig bleiben. Gemeinsam haben wir darüber nachgedacht, wie Verbundenheit gewahrt wird: beim Teilen einer Mahlzeit am Ende des Tages, beim Mitbringen von frischem Brot zum Frühstück oder beim Putzen, während man wie die eigene Mutter zu kurdischer Hochzeitsmusik tanzt. In diesen kleinen Ritualen zeigte sich Zuhause nicht nur als ein Ort, den man hinter sich gelassen hat, sondern als etwas, das wir tief in uns tragen.

Als die Teilnehmer*innen anfingen, diese Gedanken in textile Formen zu übersetzen, kehrte ich gedanklich zu einer Tradition meiner Kindheit in Tadschikistan zurück: der Suzani-Stickerei. In ganz Zentralasien wird diese Kunst traditionell von Frauen ausgeübt, die zusammenkommen, um ein Stickwerk für eine Braut zu schaffen. Über Wochen hinweg stickten Familienmitglieder*innen, Nachbar*innen und Freund*innen Motive mit guten Wünschen für ihre Zukunft: Granatäpfel standen für Fruchtbarkeit, Vögel für Freiheit und seelisches Wachstum, und Chilischoten boten Schutz vor dem bösen Blick. Eine Suzani war weit mehr als nur Dekoration; sie verkörperte Beziehungen, gemeinsames Schaffen und die Fürsorge einer ganzen Gemeinschaft.

Ich bin inmitten dieser Textilien aufgewachsen. Was mir besonders im Herzen geblieben ist, ist nicht nur ihre Bildsprache, sondern die Art und Weise, wie sie entstanden. Eine Suzani wuchs durch viele Hände – jede Person brachte ein Stück von sich selbst ein und wurde so Teil eines großen Ganzen. Dieses verbindende, gemeinsame Erschaffen wurde zum Ausgangspunkt für Traces of Belonging.

Anstatt traditionelle Motive einfach zu kopieren, lud ich die Teilnehmer*innen ein, ihre ganz eigene Bildsprache zu entwickeln. Die Stofffragmente wurden zu Gefäßen für persönliche Geschichten: Sie verwandelten Erinnerungen, überlieferte Bräuche und Alltagserfahrungen in Formen, Farben und gestickte Muster. Manche Elemente erzählten von Traditionen, die über Generationen weitergegeben wurden, während andere aus ganz persönlichen Momenten der Fürsorge, der Veränderung und des Ankommens entstanden. So wurden diese Einzelstücke aus persönlichen Erfahrungen zu einer gemeinsamen Sprache.

Für mich war das Nähen schon immer untrennbar mit der Geschichte meiner Mutter verbunden. Als ich in Tadschikistan aufwuchs, zogen wir oft um. Doch egal, wo wir ankamen: Sie fing rasch an, Kleidung für die Nachbar*innen zu nähen. Das Nähen war für sie nicht nur Arbeit, sondern auch ein Weg, Menschen zu begegnen, Verbindungen zu knüpfen und ein Gefühl von Zuhause zu schaffen.

Dies war das erste kollektive Textilprojekt, das ich ins Leben gerufen habe. Ich hatte erwartet, dass die Teilnehmer*innen ganz unterschiedliche Erfahrungen mitbringen würden – und doch berührte es mich tief, wie oft sie ihr Zuhause nicht über Orte, sondern über alltägliche Gesten der Fürsorge beschrieben. Das Arbeiten mit den Händen schenkte uns eine ganz andere Art des Gesprächs. Der ruhige Rhythmus des Stickens ließ Geschichten ganz von selbst fließen, oft getragen von kleinen Erinnerungen, die sonst vielleicht ungesagt geblieben wären.

Erst als ich dort in unserem Kreis saß, wurde mir klar, dass ich von meiner Mutter keineswegs nur das Handwerk des Nähens geerbt hatte, sondern auch die Gabe, Menschen zusammenzubringen. Rückblickend erkenne ich, dass genau diese Geste ganz leise zum Fundament meines eigenen künstlerischen Schaffens geworden ist.

Die einzelnen Stofffragmente fügten wir später zu einer Installation zusammen, die nun im Blauen Haus ihren Platz gefunden hat. Über dem Sitzbereich schwebend, begleitet sie dort leise Momente der Ruhe, des Austauschs und des Nachdenkens. Das Werk entstand gemeinsam mit Baran, Beatriz, Hsiang-Jung, Katarzyna, Matheus, Ricarda, Salma, Şevval und Veronica. Jedes Fragment trägt eine ganz eigene Geschichte in sich; zusammengefügt bilden sie eine gemeinsame Komposition, in der jeder einzelne Beitrag sichtbar bleibt. Einige Fäden wurden bewusst unvollendet gelassen – sie hängen über die Oberfläche des Stoffes hinaus. Sie wehren sich gegen die Vorstellung, dass ein Zuhause etwas Starrs oder Abgeschlossenes sei. Stattdessen erinnern sie uns daran, dass Zuhause immer wieder neu verhandelt, weitergetragen und erschaffen wird.

Dass das Werk im Blue House bleibt, war mir wichtig, denn so dürfen diese Erfahrungen an einem Ort weiterleben, an dem Tag für Tag neue Begegnungen entstehen. Genau wie die offenen Fäden reicht die Arbeit über den eigentlichen Workshop hinaus: Sie lädt dazu ein, über jene Gesten, Erinnerungen und Momente der Fürsorge nachzusinnen, durch die wir immer wieder aufs Neue ein Gefühl von Zuhause erschaffen.