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Sounds of Berlin: Wie Migration die Musik der Stadt prägt

Von Vedika Singhania

In meiner ersten Woche in Berlin letzten Sommer war ich auf dem Heimweg von einem Workshop. Es war schon ziemlich spät, selbst für einen Sommerabend, und ich überlegte, ob ich zu Fuß gehen oder doch lieber die Bahn nehmen sollte. Während ich noch unentschlossen war, betrat ich die S-Bahn-Station Treptower Park und wurde plötzlich in eine Gruppe von Menschen hineingezogen, die zu lauter Musik aus einem improvisierten Lautsprecher tanzten. Ich wandte mich an einige Mitfahrende und fragte, was da los sei. Sie antworteten, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: „Das ist einfach ein Rave.“ Vielleicht sahen sie die Verwirrung in meinem Gesicht und schlossen aus meinen aufgerissenen Augen, dass ich neu in der Stadt war, denn sie fügten hinzu: „Willkommen in Berlin!“

Im Winter verlor ich dann meine Kopfhörer und beschloss, zu schauen, wie lange ich es ohne aushalte, bevor ich meinen Bruder bitte, mir ein neues Paar zu kaufen. Aber Musik begleitete mich trotzdem überallhin: Protestlieder und Trommeln hallten durch pro-palästinensische Solidaritätsdemos am Hermannplatz; die guten alten Bollywood-Hits Kajra Re und Bole Chudiyan liefen im Fernsehen eines Dönerladens in Prenzlauer Berg; Karaoke-Battles mit Nazia Hassans Disco Deewane bei einem südasiatischen Community-Treffen (wobei ich lernte, dass das Lied gar kein Bollywood-Song ist!); ein DJ-Set auf der Brücke vor meiner Bibliothek am Halleschen Tor – eine ganze Woche lang, bei Regen und Sonnenschein; Lonely Boy von Straßenmusikern in der Nähe der Warschauer Straße, wo ich oft umsteige; und immer wieder nach unseren Gruppendinners die sanfte Erinnerung einer lieben Freundin, doch mal Yunchi Ensemble aus Kirgisistan zu hören, eine Band, die weltweit zwei monatliche Hörer:innen hat.

Natürlich wusste ich theoretisch, dass Club-Techno ein zentraler Bestandteil der Berliner Musikszene ist, aber meine eigenen Erfahrungen in der Stadt erzählten eine ganz andere Geschichte. Ich war überzeugt, dass es hier viel mehr gibt, als man auf den ersten Blick (oder beim ersten Hinhören) vermuten würde.

Bei einem Community-Treffen von GSBTB letzte Woche organisierten wir ein Panel mit Musikexpert:innen und Praktiker:innen aus der Stadt, um einige unserer Fragen zu dieser offensichtlichen Lücke zu diskutieren.

George Athanasopoulos, der Kurse zu Migration, Musik und Globalisierung gibt, erzählte, dass die Berliner Musikszene nicht einfach über Nacht mit dem Mauerfall und dem Aufstieg von Techno vor vierzig Jahren entstanden ist. Migration prägt die Klanglandschaft der Stadt schon seit Jahrhunderten, also weit über die letzten Jahrzehnte hinaus. Musikalische Innovationen, die von migrantischen Communities aus verschiedensten Zeiten und Regionen mitgebracht wurden, existieren in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen schon seit über vierhundert Jahren in der Stadt!

Diese Kollaborationen fanden nicht unbedingt in Clubs statt, sondern im Alltag, im gemeinsamen Leben und Sein. Daraus entstand eine Vielzahl von Klängen, die heute ganz selbstverständlich zur Soundkulisse der Stadt gehören. „Musik, genau wie unsere soziale Identität, ist nie statisch“, ergänzt George. „Sie verändert sich ständig, in jedem Moment unseres Lebens. Wenn Menschen nach Berlin kommen, bringen sie Erinnerungen mit. Und wenn Musiker:innen aus verschiedenen Kulturen zusammenarbeiten, verändert das ganz natürlich, wie wir uns selbst sehen und wie wir einander wahrnehmen.“

Bei der Fête de la Musique im letzten Jahr hörte ich die junge Musikerin Ceren mit ihrem Song Dünya auftreten. Die Lyrics waren eine Mischung aus Deutsch und Türkisch. Diese Performance blieb mir monatelang im Gedächtnis. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass die Mauern zwischen meinen verschiedenen Kunstwelten vielleicht auch verschwimmen und sich auflösen könnten.

Als Migrant:innen wechseln wir ständig zwischen verschiedenen Codes, daher ist Mehrsprachigkeit für uns in jedem Lebensbereich, ob Kunst oder Alltag, nichts Fremdes. Aber instrumentale Musik schien mir nochmal eine ganz andere Welt zu sein. Also fragte ich Sonika Malloth, meine Schlagzeuglehrerin an der Open Music School, die auch Konnakol praktiziert – eine südindische Form der vokalen Perkussion – wie sie damit umgeht. Sonika sagt: „Klar, nicht jede:r versteht, wenn ich ‚Trisra gathi in Chaturasra Jaathi Eka Taala‘ sage, aber wenn ich sage: ‚Lasst uns Achtelnoten-Triolen im 4/4-Takt probieren‘, macht es plötzlich Klick.“
Ich habe keinen technischen Hintergrund in Musik, also hat es bei mir trotzdem nicht Klick gemacht. Dann fügte sie hinzu, dass sie im traditionellen Konnakol mit Silben wie Tha Tha Tha Tha, ThaKa ThaKa ThaKa ThaKa, ThaKiTa ThaKiTa ThaKiTa ThaKiTa übt. Aber als sie neulich mit einer jungen Schülerin übte, benutzte sie stattdessen „Man Man Man Man“, „Batman Batman Batman Batman“ und „Naruto Naruto Naruto Naruto“.
Sie glaubt, dass Rhythmus, genau wie eins plus eins überall auf der Welt immer zwei ergibt, universell ist. Rhythmus ist nicht durch soziale Konstrukte wie Grenzen oder Traditionen beschränkt, sondern nur durch die Vorstellungskraft und Offenheit derjenigen, die ihn praktizieren.

Dieses Gefühl teilt auch Kimia Bani, deren Musik – und insbesondere ihr Instrument, die Daf – ein zentraler Teil ihrer kulturellen Identität und ihres politischen Ausdrucks ist. Kimia nutzt Musik als Mittel des Widerstands und der Ermächtigung für marginalisierte Gruppen, insbesondere für Frauen, queere Menschen und Stimmen, die oft aus den dominanten Narrativen ausgeschlossen werden. Wenn sie Community-Musikveranstaltungen organisiert, verzichtet sie bewusst darauf, direkt mit der Performance zu starten. „Menschen sind wichtiger als Musik“, sagt sie. „Bei unseren Treffen sprechen wir über unser Leben, erzählen unsere Geschichten, und diese Gefühle fließen letztlich in die Musik ein, die wir gemeinsam erschaffen.“

Für Kimia ist Musik in erster Linie ein Ausdrucksmittel. Wenn sie mit Menschen aus verschiedenen Hintergründen zusammenarbeitet, seien es DJs, elektronische Musiker:innen oder westliche Instrumentalist:innen, erklärt sie: „Wir müssen uns einander annähern und uns füreinander interessieren, für unser Leben und unsere Arbeit. Und das ist eine wunderschöne Erfahrung.“

Einige Zeit nach meinem „Willkommen in Berlin“-Moment saß ich in meinem Zimmer und arbeitete an meiner Abschlussarbeit. Da klopfte es leise an meiner Tür. Es war meine Mitbewohnerin, mit der ich seit vier Wochen versuchte, das Eis zu brechen, aber in dieser Zeit hatten wir kaum vier Worte gewechselt. Sie sagte: „Ich habe vorhin Musik aus deinem Zimmer gehört. Willst du mir deine Playlist schicken?“

Also tat ich es.

Und jetzt, auf die Gefahr hin, dramatisch zu klingen: Ich habe mir immer noch keine neuen Kopfhörer gekauft. Stattdessen wächst meine Liebe zu der Playlist, die mir diese Stadt, Berlin, jeden Tag aufs Neue zusammenstellt.

Die Expert:innen-Statements stammen aus einer Paneldiskussion mit dem Titel „Wie prägt Migration Berlins sich ständig wandelnde Klanglandschaft?“, moderiert von Vedika Singhania und organisiert von GSBTB im Rahmen des Community-Treffens „Sounds of Berlin“ am 19. Juni 2025.

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