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Ein Blick ins Open Music Lab: Ehrenamt als radikale Form der Unterstützung

Könnt ihr ein bisschen über euren Weg zur Musik erzählen – und speziell zur elektronischen Musik?


Filipe: Musik und Technik haben mich schon als Kind fasziniert. Ich war vielleicht 6 oder 8 Jahre alt, als ich völlig vernarrt war in die Stereoanlage und CD-Sammlung meines Vaters. Ich habe stundenlang mit seinen Kopfhörern Musik gehört – das war für mich immer etwas ganz Besonderes. Später bekam ich einen Discman, und als das Internet dann irgendwann konstant verfügbar war und Plattformen wie Napster oder Limewire auftauchten, habe ich angefangen, mich richtig reinzunerden und alles zu entdecken, was ich finden konnte: neue Künstler*innen, Alben, Tracks. Ungefähr zur gleichen Zeit – also Anfang der 2000er – bin ich zufällig auf eine portugiesische Zeitschrift für elektronische Musik gestoßen (Dance Club), und das war der Anfang vom Ende. Mich hat sofort interessiert, wie das ganze technische Equipment funktioniert, und auch die Clubkultur fand ich extrem spannend – ich wusste nicht genau, was das alles war, aber ich wollte es unbedingt herausfinden. Die Zeitschrift hatte immer eine CD mit Tracks von portugiesischen Artists dabei und jede Menge Rezensionen, und so habe ich mich einfach selbst reingefuchst. Mit etwa 16 habe ich dann mein erstes eigenes Equipment gekauft – ein rackbasiertes Doppel-CD-Deck (schrecklich zum Auflegen, aber das war mir egal) und einen super günstigen Reloop-Mixer – und mir selbst das DJing beigebracht. Nach und nach bin ich dann feiern gegangen, habe die (sehr kleine, aber ehrliche) Underground-Szene in Porto kennengelernt und bin später zum Studieren nach London gezogen – das hat mein musikalisches Universum nochmal massiv erweitert. Seitdem habe ich mein Equipment mehrfach ausgetauscht, mit verschiedenen Genres experimentiert – von House über Jungle, Drum & Bass, Dubstep, Garage / 2-Step, Tech House, Techno und wieder zurück zu House. Ich glaube, das liegt an meinem ADHS – und daran, dass es einfach zu viel gute Musik gibt, um ewig in einem Subgenre zu bleiben. Und ganz grundsätzlich: Ich mag es nicht, mich künstlerisch einzuschränken.

Luca: Musik hat mich mein ganzes Leben begleitet. Ich habe mit fünf Jahren angefangen, klassischen Kontrabass und Klavier zu lernen, das hat mir ein solides musikalisches Fundament gegeben. Mit etwa elf bin ich dann durch die Eurodance- und Elektro-Pop-Platten meiner Eltern auf elektronische Musik gestoßen – Artists wie Cascada haben bei mir einen Nerv getroffen. Ein Jahr später habe ich mir für 29 Euro „Magix Music Maker – Techno Edition“ im Saturn gekauft und angefangen, mit Loops rumzuspielen. Ich habe CDs gebrannt und sie in der Schule verteilt. Kurz darauf habe ich angefangen aufzulegen – meine ersten Gigs waren Solipartys in besetzten Häusern in Kreuzberg und Mitte. Dieser DIY-Spirit hat meine Haltung bis heute geprägt.

Ihr arbeitet inzwischen auch beruflich in der Musik. Wie kam es dazu, dass aus eurer Leidenschaft ein Beruf wurde?

Filipe: Wie bei vielen anderen auch war das kein einfacher oder geradliniger Weg. Lange Zeit habe ich so getan, als würde ich mich beruflich für lukrativere Bereiche interessieren – aber innerlich hat es mich immer wieder zur Musik gezogen. Etwa 6–7 Jahre lang habe ich als freier Tontechniker gearbeitet, aber das hat mir die Freude an der Musik fast genommen – es war mein einziger Einkommenszweig und sehr mühsam. Meine Lieblingsgigs waren immer die im Club, aber das war nur ein kleiner Teil meines Jobs. Irgendwann bin ich in die Erwachsenenbildung gewechselt und habe Musik als Hobby weitergeführt. 2020 war dann mein Tiefpunkt – Pandemie, persönliche Krisen, keine Energie für Musik. Beim Umzug in eine neue Wohnung habe ich dann entschieden, mein ganzes Equipment erstmal eingepackt zu lassen – ohne konkreten Plan, wann ich es wieder auspacken würde. Ich wusste nur: Erstmal muss ich mein Leben sortieren und wieder in meine Spur kommen. Diese Pause dauerte etwa drei Jahre. Seit zwei Jahren baue ich mir nun Schritt für Schritt wieder ein kleines Musikstudio zu Hause auf, habe altes Equipment verkauft, neues gekauft – und langsam kam die Lust auf Musik zurück. In dieser Zeit habe ich mich auch geoutet und in der queeren Berliner Elektronikszene ein Zuhause gefunden. Seitdem ist meine Kreativität zurück – stärker als je zuvor. Und ich weiß: Selbst wenn es nicht mein Hauptberuf wird, will ich immer irgendwie Teil dieser Szene bleiben.


Luca: Bei mir hat sich das Schritt für Schritt entwickelt. Die kleinen Solipartys, bei denen ich aufgelegt habe, wurden immer voller – irgendwann wurden Veranstalter*innen auf mich aufmerksam, ich bekam erste Bookings für größere Raves und auch bezahlte Gigs. Mein erster Auftritt im Tresor war mit 17. Mit 18 habe ich regelmäßig drei bis vier Shows im Monat gespielt, auch international, und meine eigenen Tracks veröffentlicht – eine Mischung aus elektronischem Pop und Techno. Als die Pandemie kam, stand das Touring zwar still, aber online ist meine Musik richtig abgegangen – Millionen von Streams. Das hat mir dann ermöglicht, nach Corona mit neuem Schwung wieder loszulegen. Seit über sechs Jahren arbeite ich jetzt professionell an meinem Projekt und produziere inzwischen auch für andere Artists. Diese Balance liebe ich: DJing bedeutet oft Reisen und wenig Schlaf, Studioarbeit gibt mir dagegen Stabilität und Raum zum kreativen Nachdenken.

Ihr gebt beide DJ-Workshops beim Open Music Lab – was hat euch dazu motiviert, euch in diesem Rahmen ehrenamtlich zu engagieren?

Filipe: Da gibt’s mehrere Gründe. Zum einen: Ich war früher Englischlehrer und habe gemerkt, wie sehr mir das liegt – ich arbeite gern mit Menschen, kann gut erklären, und liebe es, andere zu befähigen. Vor allem beim DJing oder Produzieren. Ich habe auch mal in einem DJ-Equipment-Laden in London gearbeitet – es war jedes Mal ein Highlight, wenn jemand plötzlich verstanden hat, wie etwas funktioniert, oder wenn ein technisches Problem gelöst war. Ich kenne dieses Gefühl selbst, wenn einem plötzlich neue kreative Möglichkeiten aufgehen – und es macht einfach Spaß, das weiterzugeben. Außerdem habe ich in den letzten Jahren viel positive Energie in der queeren Berliner Szene erlebt – so viel Unterstützung und Zusammenhalt. Das motiviert mich, auch etwas zurückzugeben. Die Community hier ist stark – und das macht die Szene besonders. Ich freue mich, meinen Teil beitragen zu können.

Luca: Danke – das bedeutet mir viel. Die kreative Branche, besonders die elektronische Musik, ist noch immer extrem von privilegierten Hintergründen geprägt. In Großbritannien kommen nur etwa 8 % der Profimusiker*innen aus der Arbeiterklasse – und dieser Anteil hat sich seit den 70ern halbiert. In der elektronischen Musik sieht es noch düsterer aus: Weniger als 10 % der DJs sind FLINTA*, unter 5 % sind Produzent*innen. Deshalb ist es mir wichtig, kostenlose und zugängliche Workshops anzubieten, vor allem für FLINTA*. Es ist vielleicht nur ein kleiner Schritt – aber ein notwendiger, um die Szene inklusiver zu machen.

Was schätzt ihr besonders an der Open Music Lab Community?

Filipe: Ich finde es großartig, dass es Orte wie das OML gibt – gerade in einer großen Stadt wie Berlin. Es ist eine bunte Community mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, aber alle sprechen die gleiche Sprache – Musik. Was ich besonders mag: Die Leute kommen offen, freundlich und neugierig. Es geht nicht ums Ego, sondern ums gemeinsame Lernen, gegenseitige Unterstützung und Weiterentwickeln. Ich bin noch nicht lange dabei, aber sehr froh, Teil davon zu sein.

Luca: Definitiv – die Menschen machen es aus. Das OML-Team ist super herzlich und die Workshop-Teilnehmenden bringen so viel Neugier und Motivation mit. Ich finde es inspirierend, die verschiedenen musikalischen Backgrounds kennenzulernen. Die Vielfalt an Perspektiven bringt so viel Frische in jede Session – es fühlt sich immer sehr kollaborativ an.

Ihr seid beide in der queeren Musikszene Berlins aktiv. Was ist euer Eindruck von der Szene hier im Vergleich zu anderen Städten? Was ist besonders, was fehlt vielleicht noch?

Filipe: Ich bin in Porto geboren, habe lange in London gelebt – aber erst in Berlin habe ich mich geoutet. Das heißt, meine queere Erfahrung ist stark mit dieser Stadt verknüpft. Und Berlin ist ja bekannt für seine queere Szene – ich erlebe sie als sehr eng verbunden und besonders. Mein Blick kommt hauptsächlich aus der elektronischen Musik- und Eventszene, und da spürt man den Community-Gedanken deutlich. Viele Veranstaltende setzen sich aktiv dafür ein, ihre Veranstaltungen zugänglich und inklusiv zu gestalten – mit Fokus auf marginalisierte Gruppen, aber auch mit Bildungsarbeit. Es gibt mittlerweile mehr Formate, z. B. von Kollektiven wie Lunchbox Candy oder Body Language, bei denen es um nüchterne Räume geht – also Tanzen oder Austauschen ohne Substanzen, mit Musik und Workshops. In einer Stadt wie Berlin, die oft für Exzess steht, finde ich das extrem wichtig. Es braucht diese Räume und auch einen offenen Umgang mit den Auswirkungen von Nachtleben auf mentale und körperliche Gesundheit. Für mich ist es wichtig, das zu normalisieren – damit Clubkultur auch langfristig gut tun kann.

Luca: Die queere Szene in Berlin ist unglaublich vielfältig – es gibt so viele Events, Kollektive, kreative Energie. Im Vergleich zu anderen Städten habe ich aber manchmal das Gefühl, dass es hier etwas zu ernst zugeht. Ich würde mir mehr Räume wünschen, in denen man einfach loslassen, ausprobieren, Spaß haben kann – ohne bewertet zu werden. Freude und Leichtigkeit sind auch politisch.