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Thread by Thread: On Nowruz, Grief, and Continuity

Historisch betrachtet markiert Nowruz (Now = neu, Ruz = Tag) den Beginn des Frühlings und das neue Jahr im persischen Kalender. Seit über 3000 Jahren wird es gefeiert und steht für den Sieg von Licht und Frühling über Dunkelheit und Winter. Es ist der Moment, in dem die Erde neu beginnt – und in dem Menschen hoffen, dass auch das Leben sich erneuern kann.

„…dass auch das Leben sich erneuern kann.“ Heute fühlt sich dieser Satz persönlicher und näher an als je zuvor.

Auf den ersten Blick wirkt Nowruz eigentlich ganz einfach, oder? Menschen bereiten sich auf das neue Jahr vor und beginnen, ihre Häuser und ihr Umfeld langsam zu verwandeln. Alles wird bunter. Schon einen Monat vorher wird geputzt, es wird eingekauft, man kommt mit Familie und Freund*innen zusammen, kocht traditionelle Gerichte und deckt einen Tisch mit symbolischen Gegenständen – für Leben, Erneuerung, Geduld und Hoffnung. Am Ende ist es ein Fest der Anfänge. Ein Fest der Erneuerung. So habe ich Nowruz als Kind erlebt. So hat es sich angefühlt. In letzter Zeit fällt es mir jedoch schwer, an Erneuerung zu glauben.

plant am 24. März ein Nowruz-Treffen. Und ich merke, dass ich häufiger darüber nachdenke, als ich erwartet hätte. Habe ich die Kraft, dort hinzugehen? Wird es mich erschöpfen? Vermeide ich es aus Angst? Oder könnte es etwas ganz anderes sein – eine Möglichkeit, wieder in Verbindung zu kommen, mit Menschen aus meiner Community? Vielleicht sogar ein kleiner Schritt in Richtung Heilung? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.

In diesen Tagen geht mein Land, Iran, durch mehr, als ich begreifen kann. Ich wache morgens auf, und die Angst ist schon da – leise, aber präsent, als hätte der Tag längst begonnen, bevor ich die Augen öffne. Mein Herz schlägt schnell, noch bevor ich überhaupt weiß, warum. Ich versuche, mich an alltäglichen Dingen festzuhalten: kochen, mich um mein Zuhause kümmern, kleine Aufgaben erledigen. Für einen kurzen Moment funktioniert es fast. Dann lese ich die Nachrichten. Und etwas in mir bricht wieder zusammen.

Manchmal frage ich mich, wie Menschen weitermachen können, als würde das Leben ganz normal weiterlaufen. Manchmal versuche ich, dem zu entkommen, mich abzulenken, irgendetwas, das diesen endlosen Strom an Zerstörung unterbricht. Aber selbst dieser kleine Versuch, mich zu schützen, bringt sofort Schuldgefühle mit sich. Ich schäme mich dafür, wegzusehen. Dafür, nicht jede Geschichte zu lesen, nicht jedes verlorene Leben vollständig zu bezeugen. Es fühlt sich an, als würde ich die langsame Zerstörung meines eigenen Landes aus der Ferne beobachten – nah genug, um jede Erschütterung zu spüren, aber machtlos, den Verlauf zu verändern.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, an einem Ort aufzuwachsen, an dem Krieg und politische Kämpfe nur Schlagzeilen sind. Ein Ort, an dem man die Nachrichten ein paar Minuten liest und dann weitermacht. Und dann merke ich, wie naiv dieser Gedanke ist. Leid ist nie wirklich weit entfernt. Am Ende gibt es nichts auf dieser Welt, das mich nicht betrifft. Und das gilt genauso für alle anderen.

Irgendwann habe ich aufgehört, mit meinen Freund*innen darüber zu sprechen. Nicht, weil es ihnen egal ist, sondern weil die Worte selbst zu zerbrechlich geworden sind. Es ist schwer auszuhalten, den wichtigsten Schmerz deines Lebens zu tragen und zu merken, dass du ihn nicht sicher in die Hände der Menschen legen kannst, die dir am nächsten stehen. Diese Einsamkeit lässt sich kaum beschreiben. Schon die kleinste Meinungsverschiedenheit, die leiseste kontroverse Bemerkung kann sich anfühlen, als würde der Boden unter mir verschwinden. Jeder Satz scheint eine verborgene Kante zu haben, bereit, tief zu schneiden.
Jedes Wort fühlt sich an, als könnte es etwas Grundlegendes bedrohen – mein Gefühl von Sicherheit, das Überleben meines Landes, die fragilen Leben der Menschen im Iran.

Und trotzdem erinnere ich mich immer wieder daran, dass wir in solchen Momenten vor allem eines brauchen: Verbindung. Nicht die Art von Verbindung, die die Stille füllt, sondern die, die es erlaubt, gemeinsam in der Gegenwart von Schmerz zu sitzen. Irgendwie müssen wir lernen, einander durch das zu halten, was wir gerade erleben. Den Schmerz miteinander zu tragen, damit unsere Trauer sich zueinander bewegen kann, anstatt zu verhärten und zu verstummen. 

Aber wenn ich ehrlich bin, macht mir genau diese Nähe Angst. Ich habe Angst davor, was passiert, wenn wir anfangen zu sprechen. Was, wenn der Raum, den wir uns wünschen, um gemeinsam zu erinnern und zu reflektieren, zu etwas anderem wird? Zu einer Kettenreaktion aus wieder aufbrechenden Wunden? Zu einem Raum voller Echos von Traumata, die nie heilen konnten? Allein der Gedanke daran lässt meinen ganzen Körper zittern.

Und doch erinnert mich alles, was ich gelernt habe, an eine einfache Wahrheit: Menschen, die das Unvorstellbare erleben, brauchen am meisten Sicherheit und Verbindung. Aber was bedeutet Sicherheit eigentlich? Welche Art von Sicherheit brauche ich – brauchen wir? Die Sicherheit von „schütze mich vor allem, halte den Schmerz fern“? Oder die, die André Aciman beschreibt: „Was gerade geschieht und was vor uns liegt, wird sehr schwer sein. Fürchte dich nicht. Es wird kommen. Vielleicht willst du gerade nichts fühlen. Aber wenn da Schmerz ist, dann halte ihn. Und wenn da eine Flamme oder Schuld ist, ersticke sie nicht, sei nicht brutal mit dir. Denk einfach daran: Ich bin hier.“

Meine Gedanken kehren immer wieder zu Nowruz zurück. Was ist Nowruz wirklich? Kann ich darin Schutz finden? Ist es stark genug, um mich zu halten – um uns zu halten?

Was mich daran fasziniert, ist, dass Nowruz all das überdauert hat: Jahrtausende von Umbrüchen, Kriegen, Zerstörung, Revolutionen, Unterdrückung, Armut. Es hat die dunkelsten Zeiten der Menschheit überlebt. Es hat gewartet, bis der Winter dem Frühling weicht. Wie hat es das geschafft? Und wenn Nowruz all das überstanden hat – was verlangt es heute von uns?

Je länger ich lebe, desto mehr habe ich das Gefühl, dass seine Beständigkeit etwas Tieferes erzählt. Nowruz ist nicht nur ein Neubeginn. Es ist etwas zugleich Zartes und Widerstandsfähiges im menschlichen Leben selbst.

Und vielleicht ist es auch nicht ganz fair, nur von Nowruz zu sprechen, ohne die Menschen zu würdigen, die es am Leben gehalten haben. Denn Nowruz hat nicht einfach „überlebt“. Es wurde getragen. Beschützt. Wiederholt. Jahr für Jahr.

Vielleicht liegt genau darin die Antwort. Nowruz war nie nur eine Tradition oder ein Symbol – sondern ein Muster.

Ein Akt von Kontinuität.
Ein Festhalten.
Ein Sich-gegenseitig-Halten.

Ich stelle mir die Beziehung zwischen Nowruz und den Menschen vor wie das Weben eines Teppichs.
Vielleicht ist Nowruz der starke Faden, den wir brauchen, und wir selbst sind die Fäden, die ihn tragen.

Meine Beziehung zu Nowruz existiert durch andere. Und vielleicht existiert auch unsere Beziehung zueinander durch das, was Nowruz zwischen uns schafft. Wir sind wie tausende Fäden, die miteinander verwoben sind. Jede Generation fügt etwas hinzu – Freude, Trauer, Kämpfe, Träume. So entsteht dieses fragile und zugleich widerstandsfähige Muster. So hat Nowruz all die Jahre überlebt. 

Nicht, weil die Welt jemals friedlich war. Sondern weil Menschen, selbst in ihren dunkelsten Momenten, weitergewebt haben. Es ist ein Akt der Kontinuität. Vielleicht ist die Frage also nicht, was Nowruz ist. Sondern, was wir daraus machen.

Welche Muster wollen wir dieses Jahr weiterweben? Und in den Jahren danach?

Faden für Faden.