Ich habe mich sehr darauf gefreut, dass wir uns gemeinsam an diese hochaufgeladenen Themen gewagt haben. Diese Themen prägen mich und meine Perspektiven nach wie vor.
Als ich nach Deutschland gezogen bin, war ich überhaupt nicht auf die Achterbahnfahrt vorbereitet, die die Strukturen von „Macht und Privilegien“ für mich bereithielten. Sie haben mich ordentlich durchgeschüttelt – sowohl im Alltag als auch auf struktureller Ebene, etwa bei Jobchancen, der Wohnungssuche und Ähnlichem.
Mir fehlte die Widerstandskraft, um damit umzugehen, weil ich vor meinem Umzug nach Deutschland eine privilegierte Kindheit und Jugend genossen hatte. Mir fehlten daher tief verankerte Resilienz-Wurzeln, um auf diese unsichtbaren systemischen Kräfte zu reagieren. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich ständig von meinem persönlichen, sozialen oder beruflichen Weg abbringen.
Genau solche Treffen schaffen einen Raum für Freiwillige wie uns, die bereit sind, etwas gegen ein System zu unternehmen, das so ansteckend krank macht. Sie ermöglichen es den Menschen, zusammenzukommen und gemeinsam eine Art „Immunsystem-Booster“ zu brauen. Mein eigenes Verständnis für die Feinheiten, wie Macht und Privilegien wirken, hat sich in dieser Runde noch einmal vertieft.
Es kann anstrengend sein, all die verschiedenen Wege zu benennen und zu kategorisieren, auf denen Privilegien und Machtsysteme einschleichen und uns beeinflussen. Aber genau dadurch habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, was Begriffe wie „Colourism“ eigentlich bedeuten, anstatt es nur zu vermuten.
Durch diesen Austausch erweiterten sich unsere kollektiven Perspektiven auf eine ganz organische Weise. Ich habe gelernt, dass „Colourism“, im Unterschied zu „weißen Privilegien“, Diskriminierung unter Menschen der globalen Mehrheit (BIPOC) aufgrund unterschiedlicher Hauttöne bedeutet. Ich war so erleichtert, dass diese Form der Diskriminierung endlich einen Namen hatte.
Diese Klarheit entstand, als wir begannen, die verschiedenen Formen und Ausprägungen von „Macht und Privilegien“ beim Namen zu nennen und aufzuschreiben. Wir haben Symptome benannt, die oft noch gar nicht richtig diagnostiziert werden – zum Beispiel wie Kinder mit unterschiedlichen Lernbedürfnissen nicht in das Schema passen, wie man Aufmerksamkeit und Fokus zu erbringen hat.
Danach machten wir eine Gruppenübung mit einem Privilegien-Diagramm, um zu sehen, wie sich die verschiedenen Formen von Macht und Privilegien in unserer persönlichen Erfahrung widerspiegeln. Es fühlte sich wie ein Ganzkörper-Check-up an, der die unterschiedlichen Aspekte unseres Daseins im Kontext von Berlin sichtbar machte.
Warum hilft diese Bestandsaufnahme? Für mich lag der Wert darin, dass das Symptom nicht mehr unsichtbar ist – und wir ihm nicht mehr hilflos gegenüberstehen. Die Diskussion ging ganz natürlich darin über, Ressourcen zu sammeln: zur Vorbereitung und um handlungsfähig zu werden.
Einen Raum für Bewusstsein und Diskurs über solche „systemischen Muster“ und den „Status quo“ zu schaffen – Dinge, die uns leicht entgehen, wenn wir sie gewohnheitsmäßig als „normal“ hinnehmen –, hilft dabei, sie beim Namen zu nennen. Dieses Bewusstsein bereitet uns besser auf mögliche Konfrontationen vor und hilft uns, über sie hinauszuwachsen. Das ist extrem ermächtigend!
Nachdem wir unsere eigenen Privilegien auf dem Papier kartiert hatten, gab es eine Gruppendiskussion. Dabei bestätigte sich mein Gefühl, dass das von uns genutzte, eurozentrisch geprägte Privilegien-Diagramm nur einen Teil der Wahrheit abbildete. In meiner Gruppe stellten wir beispielsweise fest, dass „Ageism“ (Altersdiskriminierung) zwei Seiten hat. Meine Gruppenmitglieder teilten ihre Erfahrung, dass das Älterwerden ihre Lebensqualität sogar verbessert hat – sie erlebten das Älterwerden als Privileg.
Wir entdeckten tiefere Dimensionen und erlebten gemeinsam, wie sich der Kreis der Privilegien um viele Nuancen und Blickwinkel erweiterte.
Im Anschluss machten wir eine praktische, persönliche und räumliche Übung, um zu erforschen, wie sich Macht und Privilegien tatsächlich anfühlen. Wir nutzten den Raum im Blue House, um uns physisch dorthin zu stellen, wo wir uns bei verschiedenen Aspekten von Privilegien verorten. Dabei erlebten wir, wie sich verschiedene Dimensionen überschneiden und dass längst nicht alles schwarz-weiß ist.
Ich bewegte mich durch das gesamte Spektrum von Privilegien. Gleichzeitig wurde mir die Komplexität bewusst, wie unterschiedlich sich die Vielfalt von Privilegien bei jedem Einzelnen auswirkt. Und ich fühlte mich gesehen. Es war unangenehm, sowohl in den eigenen Privilegien als auch im Fehlen von Privilegien wahrgenommen zu werden. Aber genau das empfand ich als unglaublich stark.
Die Übung brachte eine kraftvolle, emotionale Ebene hinein und hob das Treffen über ein rein intellektuelles Gespräch hinaus. Der Akt des Sehens und Gesehen-Werdens fühlte sich transformativ, fast alchemistisch an – auch wenn die Gefühle nicht immer angenehm waren, waren sie doch wirkungsvoll.
Danach kamen wir zu einer Austauschrunde zusammen. Bei einem sensiblen Thema blieb eine gewisse Unklarheit bestehen, was uns mit unseren Unterschieden konfrontierte. Doch der Raum fühlte sich sicher genug an, um sich dieser Unklarheit direkt zu stellen, nach Klarheit zu suchen und unterschiedliche Ansichten auszusprechen. Es war spannend zu sehen, dass selbst bei Hejmo so unterschiedliche Perspektiven aufeinander treffen.
Wir haben auch darüber gesprochen, wie sich Macht-Hierarchien subtil zwischen uns Freiwilligen, Praktikant*innen und Teilnehmer*innen manifestieren können.
Für mich sind solche Reflexionsrunden echte Energietankstellen. Es sind Räume, in die Freiwillige eintreten, deren Energie oft durch alltägliche Marginalisierung, Diskriminierung und Isolation getrübt ist. Diese Zusammenkünfte geben den Teilnehmenden ihre volle Kraft zurück – durch das Reflektieren, durch dieses Erkennen und Wahrhaftig-gesehen-Werden. Wir sind füreinander sozialer Reichtum, der die Mauern der Isolation einreißt. Wir nähren uns gegenseitig mit vielfältigen Perspektiven, um uns gestärkt und befähigt zu fühlen. So tragen wir dieses Bewusstsein hinaus in die Welt.
Wir sind nun besser gerüstet, um der Schädlichkeit des Systems mit einem spürbaren Gefühl kollektiver Immunität zu begegnen. Und danke für das ebenso stärkende Essen!