Der bolivianische DJ und Musikproduzent DJ Quien blickt auf viele Jahre Erfahrung zurück. Stilistisch lässt er sich in keine Schublade stecken: Von Cumbia, Funk, Soul, Disco und Boogie über elektronische und basslastige Musik bis hin zu Elementen des Turntablism – seine Sets und Produktionen sind ebenso vielseitig wie neugierig.
Seit 2019 lebt DJ Quien in Berlin und ist regelmäßiger Gast bei den Open Sessions des Open Music Lab – einer offenen Musikproduktionsrunde, in der Musiker*innen, Produzent*innen und Klangkünstler*innen gemeinsam an ihren Projekten arbeiten, Equipment ausleihen oder sich Tipps und Feedback holen können. Dort entstand auch ein Großteil seiner neuen EP Aphantasia, die er dieses Jahr veröffentlicht hat.
Wir haben uns mit DJ Quien über seinen musikalischen Werdegang, die Bedeutung von Gemeinschaft und Unterstützung und seine Tipps für aufstrebende Produzent*innen unterhalten.
Hi DJ Quien, schön, dass du dir Zeit für dieses Gespräch nimmst. Kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, wer du bist?
Klar! Ich wurde in Bolivien geboren, wo ich vor vielen Jahren meine Musikkarriere begann. Ich spielte in Bands, nahm einige Alben auf – bis ich durchs Auflegen entdeckte, was schließlich mein Leben werden sollte.
Auf dem Weg habe ich ein Festival fünf Jahre lang organisiert, eine Kunstgalerie eröffnet, getourt, Platten veröffentlicht und Fotografie (und noch ein paar andere Tricks) gelernt.
Wenn ich also sagen müsste, wer ich bin: Ich bin jemand, der völlig von Kunst und Kreativität eingenommen ist. Kreativität und Neugier sind meine Werkzeuge, um mich in dieser verwirrenden Welt zurechtzufinden.
Du hast 2000 mit dem Auflegen angefangen – also vor 25 Jahren! Beeindruckend. Wie begann deine Reise als DJ und wie hat sie sich über die Jahre entwickelt?
Manchmal fühle ich mich deswegen ganz schön alt (lacht), aber ja – ich habe damals angefangen, als es noch kein Geld in der Szene gab und niemand den Traum hatte, ein DJ-Star zu werden. Es gab keine Vorbilder, keine großen Ambitionen – nur die pure Liebe zur Musik.
Ich war tief in der lokalen Szene verwurzelt, und es fühlte sich ganz natürlich an, vom Spielen in Bands zum Solo-Performer zu werden – von Instrumenten zu Platten und CDs. Ich durfte von großartigen DJs lernen, und ich denke, mein Sound hat sich über die Jahre dadurch entwickelt, dass ich viel zugehört und getanzt habe. Auf dem Dancefloor präsent zu sein, hat mir sowohl Perspektive als auch Motivation gegeben.
Du bist in La Paz, Bolivien, geboren und lebst seit 2019 in Berlin. Wie haben dich diese beiden Kulturen musikalisch geprägt?
Zu Hause lief immer großartige Musik. Mein Vater liebte Bossa Nova, Jazz und Folklore, meine Mutter eher Rock und lateinamerikanische Musik. Und auf den Straßen Südamerikas war es ohnehin nie still – überall liefen Cumbia, Salsa und rhythmusgetriebene Klänge.
Berlin inspiriert mich auf eine ganz andere Weise. Die Konzerte und Shows, die ich hier sehe und bei denen ich mitwirke, haben meine Rave-Motivation wiederbelebt. Außerdem habe ich meine DJ-Technik stark verbessert – dieses Jahr habe ich zwei Scratch-Wettbewerbe gewonnen, einen in Vietnam und einen hier in Berlin. Die Menschen um mich herum prägen mich ständig.
Was hat dich dazu gebracht, bei den Open Sessions des Open Music Lab mitzumachen, und was hast du dir davon erhofft?
Ich teile gern Räume mit kreativen Menschen und liebe den Austausch von Ideen – das fühlte sich sofort passend für mich an. Ehrlich gesagt war ich wohl auch auf der Suche nach anderen Ohren – und vielleicht sogar nach einer Art Bestätigung, um mich bereit zu fühlen, meine Songs zu zeigen.
Deine neue EP Aphantasia ist eine wunderschöne Mischung aus Ambient, Soul, Funk und experimentellen Beats – mit faszinierenden Vocal-Samples. Du hast erzählt, dass vieles davon während der Open Sessions entstanden ist. Wie kam das Projekt zustande, und wie hat das Arbeiten in einem kollektiven Umfeld den Prozess beeinflusst?
Danke für die netten Worte! In den letzten fünf, sechs Jahren habe ich etwa 400 Songs, Ideen oder Beats produziert – da war es an der Zeit, endlich etwas davon zu veröffentlichen.
Meine neueren Projekte klingen zu etwa 90 % analog und weniger elektronisch, also habe ich für Aphantasia die Tracks ausgewählt, die stärker in Richtung Elektronik gehen – das fühlte sich wie der richtige Startpunkt an.
Während der Sessions habe ich einige Stücke mit anderen Teilnehmer*innen geteilt. Ihr Feedback hat mir das Selbstvertrauen gegeben, die Tracks loszulassen und zu veröffentlichen – um mich auf den Rest meiner Musik konzentrieren zu können. Viele ihrer Anregungen haben geholfen, den Sound runder und vollständiger zu machen.
Was würdest du anderen Produzent*innen raten, vor allem jenen, die durch gemeinschaftsorientierte Projekte wie die Open Sessions ihren Weg finden?
Lass los. Lass die Musik lauter sprechen als dein Ego.
Jage nicht der Perfektion hinterher.
Verlier dich nicht zu sehr im Sound Design, sondern achte darauf, was der Song kompositorisch braucht.
Der größte Sound oder der neueste Trend bringt dich langfristig nicht unbedingt weiter.
Finde deine eigene Identität – und vor allem: Hab Spaß.
Hab einfach Freude daran, Musik zu machen. Ein konkretes Ergebnis ist gar nicht nötig.